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Monthly Archives: March 2013

Während der im ersten Post genannten Tagung musste ich vom Tod einer ehemaligen Professorin erfahren. Da einige meiner Kolleginnen ebenfalls Seminare und Vorlesungen bei ihr besucht hatten, schrieb ich bei Facebook:

Habe gerade gelesen, dass Prof. Barbara Sandig am 1. März gestorben ist. Das ist traurig.

Dass keine meiner ehemaligen Kommilitonen sich zu dieser Information geäußert hat, sei dahingestellt. Interessanter fand ich aber die erste Begegnung mit meiner zehnten Klasse, als ich wieder im Unterricht war. Noch bevor wir uns “ordnungsgemäß” begrüßt hatten, empfing mich die Klasse mit einem vorwurfsvollen “Sie sind aber kalt!” Die Klasse hatte sich während meiner Abwesenheit über das Handyverbot im Schulhaus hinweggesetzt und meine Vormittagsposts gemeinsam gelesen. Obiger Post mit seinem “Das ist traurig.” wurde von der Klassengemeinschaft als stilistischer Missgriff gesehen, als unhöflich und taktlos.

Dabei hatte ich beim Verfassen dieses Posts lange überlegt, wie man in einem sozialen Netzwerk adäquat den Tod einer Person mitteilt. Im Laufe der letzten Jahre musste ich schon mehrfach Todesnachrichten von Verwandten oder guten Freunden meiner Facebook-“Freunde” lesen. Derartige Posts sind aber offenbar stilistisch recht unproblematisch, da sie nicht als informative Einzeiler, sondern als Offenbarung des aktuellen Gefühlsstandes des Schreibers verfasst werden und über jede stilistische Vorschrift per se erhaben sind.
Natürlich hatte ich auch über das Verwenden eines Emoticons nachgedacht — verwarf dies aber sofort wieder, da für mein (Sprach-)Empfinden jedem Emoticon immer noch die fröhliche Grundbedeutung des Smilies innewohnt. Ein Frownie ist zuerstmal auch ein Smilie. Meistens verwende ich auch die nicht-positiven Emoticons ironisch oder abschwächend. Ein “gestorben ist :-(” ist für mich aufgrund der Ernsthaftigkeit der “real-life-situation” unmöglich.

Für meine Schülerinnen und Schüler aber liegt den Emoticons nicht mehr der Ur-Smile zugrunde, sie verfügen offenbar über ein Set aus mehr oder weniger unabhängig voneinander Bedeutung tragenden Emoticons. Der Frownie ist mit dem Smilie brüderlich verwandt, er stammt nicht (mehr) von ihm ab.
Ebenso haben die Jugendlichen scheinbar einen differenzierteren Textbegriff. Während ich meine “Todesmeldung” nach den mir zur Verfügung stehenden Stilregeln eines geschriebenen Kurztextes zu verfassen versuchte — daher auch ganz bewusst und nach längerem Überlegen der Punkt am Ende, und kein Ausrufungszeichen –, lasen meine Schüler den Text als so etwas wie “Post“, und erwarteten hier unbedingt die graphische Darstellung der zugrundeliegenden Emotion. Da ich mit genau dieser Klasse auch vorher schon Texte gelesen und geschrieben habe, weiß ich, dass niemand von ihnen auf die Idee kommt, in einem Deutschaufsatz Emoticons zu verwenden, um beispielsweise die Atmosphäre in einem Gryphius-Sonett zu beschreiben/evaluieren; der Anspruch auf Emoticons muss also am Medium  liegen, nicht an der Tatsache, dass geschrieben und nicht gesprochen wird.

Wir werden uns in Zukunft damit abfinden müssen, dass der geschriebenen Sprache ein elektronischer Stil-Level hinzugefügt wurde, und wir werden hier neue Stilistiken brauchen.

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When I learnt about the death of a former professor of mine, I posted a little obit on Facebook. Stating that … “Professor Barbara Sandig has died. That is sad.” When I returned to school a few days later, my 10th graders accused me of being cold and lacing tact. They would have required a sad smilie 😦 to the post. Of course, I had thought about that, but decided that it was impossible for me to feel comfortable with an emoticon here; smilies and frownies and the like are still basically smilies to me. For my pupils, however, they do no longer seem to be derived from the smiling original, but rather to be brotherly related. I assume there is a new stylistic feeling among the younger language users, requesting certain stylistic devices in certain (new?) text forms like posts as opposed to my more traditional concept of short informative text.

After blogging some conference ideas on Facebook, I was amazed at how many of my (ex)pupils actually did read what I posted. They were interested, even curious, about what I had learned and experienced. Although this had been my intention, anyway, the impact was much bigger than anticipated. I then pondered for quite a while whether a real blog would be worth the while (and, of course, better suited to longer texts than Facebook postings) — and here it is. I have decided to give it a go.

I shall write here on my experiences and views on language, literature and culture, mainly from a classroom perspective. Given the fact that I teach English and German at a German Gymnasium, I shall be writing in both these languages, and add the odd article on Yiddish (my “hobbyhorse” lang-lit-cut).

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Nachdem ich einige Gedanken und Erfahrungen, die ich dieses Jahr auf der Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim gemacht hatte, auf Facebook “gebloggt” hatte, war ich doch sehr überrascht davon, wie viele meine (ehemaligen) Schülerinnen und Schüler tatsächlich meine Posts lasen. Sie waren interessiert, manche sogar richtig neugierig, was ich gelernt und erfahren hatte. Auch wenn dies eigentlich meine Absicht gewesen war, war der Erfolg viel größer als erwartet. Er hat mich dann auch veranlasst, einige Zeit erntsthaft darüber nachzudenken, einen “richtigen Blog” zu beginnen (wo längere Texte dann doch besser aufgehoben wären als in Facebook Posts) — und hier ist er. Ich habe mich dazu entschlossen, es mit einem Blog zu versuchen.

Ich werde hier über meine Erfahrungen und Ansichten über Sprache, Literatur und Kultur schreiben; hauptsächlich aus einer schulischen Perspektive. Und da ich an einem deutschen Gymnasium Deutsch und Englisch unterrichte, werde ich in diesen beiden Sprachen schreiben, und hin und wieder einen Artikel über und in Jiddisch (meinem Steckenpferd lang-lit-cult).