während dem Korrigieren über währenddem und währenddessen fast verzweifelt — und dann kam Grimm

Aus dem Alltag eines Deutschlehrers bei der Korrektur der Klassenarbeit einer siebten Klasse:

Die Situation: Ein Schüler schreibt in seinem Aufsatz “die beiden sitzen währenddem am Berg und reden.”
Mein erstes Problem: Ich halte “währenddem” für falsch.
Mein zweites Problem: Ich fange an, nachzuschlagen…..

Duden:  wäh­rend­dem, Wortart: Adverb, Gebrauch: landschaftlich  (s.a. hier)

Da ich laut Lehrplan “Standard” lehren und bewerten soll, müsste ich nun wissen, ob “landschaftlich” bedeutet, dass die Verwendung standardkonform innerhalb der “hochdeutschen Standardsprache” ist:

Je nach Text- bzw. Materialangebot des Lehrbuches können
Einzelaspekte aus der Teildisziplin Sprachgeographie
behandelt werden, besonders, wenn sie zum Verständnis
von Texten bzw. Textstellen nötig sind. Auf keinen Fall
sollte daraus ein verfrühter sprachgeographischer
Schwerpunkt werden, besonders solange nicht eine
ausreichende Sicherheit der Lerngruppe im Umgang mit
der (Aussprache- bzw. Rechtschreib-)Norm der
hochdeutschen Standardsprache erreicht ist.

(Lehrplan Deutsch, Sek1, S. 80, meine Hervorhebung)

“Landschaftlich” müsste zu einem Ausdrucksfehler führen.

Wahrig: währenddem ugs. für währenddessen.

“Umgangssprachlich” muss zu einem Ausdrucksfehler führen.

Inzwischen bin ich ja schon beruhigt, dass mein eigens grammatisches Gefühl, das eine Kombination aus “während” + Dativ irgendwie nicht richtig finden will, wohl ziemlich persönlich, nicht aber verallgemeinerbar ist, und ich dem Schüler keinen Grammatikfehler anrechnen muss.

Ich bin interessiert, und suche weiter.

elexiko gibt beim Eintrag währenddem “nur” die richtige Schreibweise an, dafür aber auch zwei automatisch ausgewählte Beispiele — aus dem Mannheimer Morgen und der Zeit! Jetzt bin ich baff, denn “landschaftlich” sollte doch irgendwie nicht den Teil Deutschlands betreffen, der die Sprachgebiete des Mannheimer Morgens und der Zeit abdeckt, das ist doch schon mehr als die Hälfte, denke ich mir. Und für umgangssprachliches Schreiben sind die beiden Zeitungen auch nicht gerade berühmt. Also Weitersuche, mal auf “gut Glück” bei grammis. grammis führt “währenddem” nicht auf, dafür aber “während“, und dort wird der  “NP-Dativ [als] regional (v.a. Schweiz) und umgangssprachlich” bezeichnet, was mein “währenddem” einer v.a. schweizerischen, also wohl eher süddeutschen, und einer umgangssprachlichen Verwendung des “während” nahebrächte. Das löst mein Problem mit dem Mannheimer Morgen und der Zeit immer noch nicht. Den Mannheimer Morgen verstünde ich nun, aber die Zeit als umgangssprachlich oder süddeutsch geprägt? Bei grammis gibt es zwei Einträge “währenddessen” und ich mache mir Gedanken, ob aufgrund der regionalen und umgangssprachlichen Beschränktheit mein Wort hier nicht aufgenommen ist; in beiden Einträgen finden sich als “vergleichbare Formen” die ‘während + Genitiv’ Formulierungen, aber keine Dativformulierung, geschweige denn “währenddem”.

Einen weiteren Versuch starte ich im DWDS, vielleicht kann ich dort das Rätsel um die Varietät und/oder regionale Verwendung klären, auf dass ich weiß, ob ich dem Schüler (eines pfälzischen Gymnasiums) einen Fehler anrechnen muss oder nicht. “Währenddem” hat immerhin einen Eintrag im WDG und ist ganz banal ein Synonym von “währenddessen”, also standardkonform, nicht regional beschränkt, nicht umgangssprachlich.  Es ist 49 mal im Zeit-Korpus und 48 mal im Kernkorpus. Wenn ich mir die Belege anschaue, sind aber auf den ersten Blick auch Fehlangaben für meine Suche nach “richtig oder falsch”, da “währenddes” auch als Beleg angegeben wird. Ich mache eine Vergleichssuche nach “währenddessen”, die Beleganzahlen werden drei- und vierstellig, es kommen Zeitungskorpora aus dem Rest Deutschlands dazu, Openthesaurus hat Synonyme (ich kann es mir sparen, darauf hinzuweisen, dass “währenddem” nicht dabei ist), die Angaben sprudeln nur so.

Ein letztes Nachschlagen im Grimmschen Wörterbuch. Eintrag “während“. Und siehe da, die Grimms geben dem Dativ dasselbe Recht wie dem Genitiv, sie sehen auch schon “neuere Verwendungen” mit während als conjunction. Auch wenn mein “währenddem” noch nicht in ihrem Wörterbuch vermerkt ist, so ist es eine logische Fortführung der Entwicklung, die hier vorgelegt ist.

Ich entscheide mich dafür, dem Schüler keinen Fehler zu berechnen. Ich mache ihn nur darauf aufmerksam, dass “währenddessen” die häufigere und stilistisch vielleicht ‘sicherere’ Variante ist.

Diese Anekdote mag für die irrelevant erscheinen, die sich fragen “und all das wegen einem Wort”? Die Situation ist aber exemplarisch und kann beliebig oft mit anderen Problemen nachgestellt werden (wie markiert man z.B. “wegen+ Dativ”?….). Sie mag auch irrelevant für diejenigen erscheinen, die sich fragen “und wo ist das Problem, ob da jetzt am Rand ein Gr oder ein A oder ein W oder ein Stil steht”? Aber es sind gerade diese kleinen Zeichen, mit denen wir unseren Schülerinnen und Schülern die “ausreichende Sicherheit […] im Umgang mit der […] Norm der hochdeutschen Standardsprache” (s.o.) vermitteln und attestieren. Nicht trivial, nicht banal, nicht irrelevant.

Anmerkung: Ähnliche Beobachtungen haben Winifred Davies  und Nils Langer auch schon in diesem Vortrag präsentiert, Forschung und Praxis gehen da also Hand in Hand.

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3 comments
  1. Anonymous said:

    Zum Obigen:
    1. Ihre Adhoc-Auswertung zur “währenddem” ergibt, wenn ich das richtig gezählt habe, bei vier von sechs Nachschlagewerken oder Online-Ressourcen (Duden, Wahrig, eleixiko, grammis, bei Letzterem implizit) zur Frage der Normenkonformität die Auskunft: nein, nicht standardkomform. Ist das eine Antwort auf die Frage, ob Fehler oder nicht? Ich meine, ja.
    2. Die Verwendungsfrequenz stellt sich, wie so oft, anders dar. Aber Frequenz sagt ja nicht unbedingt etwas über Richtigkeit aus.
    3. So kann man dieses (! mit Genitiv, und nicht wie oben gebraucht mit Dativ) linguistischen Zweifelsfalls durchaus Herr werden.
    4. Und all das “wegen eines Worts” – auch mit Genitiv.
    Mein lieber Herr Gesangsverein bzw. Lehrer!

    • Anonymous said:

      sorry, “elexiko”

  2. Das sind typische “linguistische Zweifelsfälle” — denen wird man, da sich Sprache im Wandel befindet, nicht mit einfachen Antworten Herr. Danke deshalb für den Artikel!

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