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Monthly Archives: March 2014

Wenn ich in Elterngesprächen mit Müttern und Vätern über die Rechtschreibprobleme ihrer Sprösslinge spreche, ergibt sich sehr häufig (auf Beipackzetteln stünde da “mehr als 10 von 15” oder so) der gleiche Verlauf: Im Gespräch mit der institutionalisierten Rechtschreibung, dem hohen Priester der Orthographie, dem Deutschlehrer, machen die Eltern keinen Hehl daraus, dass sie Rechtschreibung für überlebenswichtig in dieser Welt halten. Selbst haben sie ja auch noch die schwere, aber “gute” alte Rechtschreibung gelernt. Und nun daddelt der Filius oder das liebe Töchterchen den ganzen Tag am Handy oder am Computer rum, schreibt nicht richtig (“nur so Dialekt-Dinger und gar keine richtigen Wörter”) und wundert sich dann über die Fünf im Diktat. Obwohl er doch nur noch diese Schwundrechtschreibung ohne Regeln können müsste. Es ist furchtbar.

Oft genug ist klar ersichtlich, dass in puncto Rechtschreibung der Hausfrieden zwischen Eltern und Kindern schon länger außerordentich schief hängt, und dass die Situation für alle Beteiligten aussichtslos scheint. An dieser Stelle bitte ich die Eltern dann, die Bedeutung von “Rechtschreibung” mal anders zu sehen. Gemeinsam mit den Kindern sind wir uns alle einig, dass es schon schön ist, wenn auf einem Schulzeugnis immer die “1” als “sehr gut” bezeichnet ist, und nicht mal als “sehr gut”, mal als “ser gut” und mal als “sehr gud”, obwohl die alle doch gleich vorgelesen würden, und obwohl die Leistung, die damit bezeichnet wird, doch immer die gleiche ist. Ähnliches gilt für Schreiben vom Finanzamt und für Knöllchen am Auto — überall freuen wir uns darüber, dass das Deutsch einheitlich geschrieben ist. Aber da hört es doch auch schon auf (“oder?”). Mein Beispiel — und Anlass für diese Randnotiz — ist dann immer mein Einkaufszettel. Wenn ich da “kartoflen” schreibe statt “Kartoffeln”, dann bringe ich doch trotzdem “Grumbeere” mit nachhause. Hier hat Rechtschreibung überhaupt keine Bedeutung, sie ist eben nicht “überlebenswichtig” wie zu Beginn des Gesprächs. (Dass ich den Eltern auch gerne beruhigend die Standardkonformität von Chat-Deutsch-Wörtern und -Phrasen wie “ey alder” vor Augen führe, das zumindest in unseren Breiten nie als “Ei Altar!” getippt würde, und dass ich den Lernenden dann den Vorschlag mache, erstmal ihre eigenen Spielregeln zur Rechtschreibung zu machen, und dann einfach mit Anderen nach denen “im großen gelben Regelbuch” zu spielen, all das führe ich vielleicht mal in einem eigenen Post aus, aber nicht hier.)

Nun ist mir heute ein fremder Einkaufszettel in die Hände (bzw. vor die Füße) gefallen. Im wahrsten Sinn des Wortes, denn ich bin auf der Treppe draufgetreten. Noch linguistisch interessiert und wach vom Besuch der Jahrestagung am IDS diese Woche, habe ich ihn aufgehoben und archiviert, denn er belegt wunderbar meine kartoflen-These für die Eltern. Ich möchte ihn hier transkribiert wiedergeben (den Scan traue ich mich aus rechtlichen Gründen nicht hier reinzustellen). Der Autor dieses Einkaufszettels hat mit Sicherheit auch nach dem Einkauf nicht Hunger gelitten, weil er einiges von seinem Zettel gar nicht im Geschäft fand, auch wenn die Haustiere bestens versorgt waren.

Brod
Wurst
Reiss [?]
Katzenfutter
Tabac
Prinzu [? was ist das, das Wort ist ziemlich klar leserlich…]
Eisbein
Senf
Katzenstreu

Und mit “Brod” ist sogar der alte Geheimrat nochmal aktuell geworden.