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Monthly Archives: June 2014

Vor ein paar Tagen hatte meine Inszenierung von Hugo v. Hofmannsthals Jedermann Premiere. Es ist das erste Stück, das ich mit dem neu gegründeten Thalia Theater am Leibniz-Gymnasium in Pirmasens erarbeitet habe. Es ist auch gleichzeitig meine erste ernstzunehmende Theaterarbeit in deutscher Sprache.
Die erste Fassung des Programmhefttextes ist entsprechend auch gewaltig ,,in die Hose gegangen”, wenn man das Publikum bedenkt, an das das Programm sich wendet (Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums nämlich, ihre Eltern und Freunde, und erst in allerletzter Linie die Lehrerinnen und Lehrer, von denen dann auch nur ein Bruchteil Germanist, Theologe oder Philosoph ist). Dennoch glaube ich, dass dieser Text besonders gut die meiner Inszenierung zugrundeliegenden Ideen darstellt, daher möchte ich ihn auf diesem Wege, quasi unabhängig vom eigentlichen Theatererlebnis, zur Diskussion stellen. Das Originalprogramm, Aufführungsphotos und -berichte kann man in den folgenden Tagen auf der Homepage des Theaters sehen (ich werde die Links hier im Artikel aktualisieren):  http://leibniz-gymnasium-pirmasens.de/


 

Hugo v. Hofmannsthal [Bild]

Geboren am 1. Februar 1874 in Wien und gestorben am 15. Juli 1929 ebenda.

 

Die Kunst des Fin de Siècle drohte zur Methode der Unterhaltung degradiert zu werden. Sozial wurde diese künstlerische (Fehl)entwicklung begleitet von einer aufstrebenden Massengesellschaft, die von den Städten aus das Zusammenleben grundlegend änderte und anonymisierte. Alte familiäre Strukturen wurden irrelevant, traditionelle Gesellschaftsschichtungen umgewirbelt, grundlegende Vereinbarungen über Machtverhältnisse aufgelöst und neu verhandelt. Waren es früher Adel und Militär, die mit ihren Ehr- und Ordnungsbegriffen den Zusammenhalt der Gemeinschaften garantierten, kamen nun Bürgerliche und Industrielle und beanspruchten genau diese Aufgaben. Noch 1900 sieht Schnitzlers „Lieutenant Gustl” den einzigen Ausweg aus dem Dilemma, dass er sich – als Soldat – duellieren muss, aber dass sein Gegner – als Bürgerlicher – nicht satisfaktionsfähig ist, im Selbstmord. Bereits 1917 hat dann der bürgerliche(!) „Milliardär” in Georg Kaisers „Die Koralle” als Großindustrieller quasi das soziale Szepter übernommen, schon die pure Idee der Satisfaktionsfähigkeit scheint hier aus einer anderen Welt zu stammen.

 

In die Zeit dieses Umbruches fällt nicht nur der erste Weltkrieg, sondern auch die Entstehung unseres Jedermanns. Hugo von Hofmannsthals Anliegen war es, die Kunst von der Aufgabe der Unterhaltung zu lösen und als „reine Kunst” (l’art pour l’art) positiv auf das Volk wirken zu lassen, dessen Identität und Ordnung durch die äußeren Umstände ins Wanken geraten sind. In diesem Sinne ist der Jedermann ein Beispiel des Theaters als Lehranstalt. Der Rückgriff auf Texte des Mittelalters geschieht aus zwei Gründen. Zum einen sind dies Geschichten, die von allen Mitgliedern der Volks- und Kulturgemeinschaft als gemeinsame Basis, als intellektuelle Wurzeln, anerkannt werden; und zum andern bietet die äußere Form der gebundenen Sprache die Möglichkeit, „Kunst” als solche erfahrbar zu machen und von der Umgangssprache so weit wie möglich zu entfernen. Grundsätzlich dem Brechtschen Verfremdungseffekt ähnlich, soll hier aber nicht durch „Künstlichkeit” Distanz, sondern durch „Kunst” Nähe geschaffen werden.

„Dramatische Gebilde dieser großen simplen Art sind wahrhaftig aus dem Volk hervorgestiegen. Vor wen sollten sie als wiederum vor das Volk? […] Wie aber, daß wir das Abgestorbene, das Unzeitgemäße vor sie gebracht hätten! Es wird in unserer Zeit gar zu viel Wesens gemacht von unserer Zeit. […] Das Wohltuende für den Dichter liegt darin, unsäglich gebrochenen Zuständen ein ungebrochenes Weltverhältnis gegenüberzustellen, das doch in der innersten Wesenheit mit jenem identisch ist.“ (Das Spiel vor der Menge, 1911).

 

Im Jedermann tritt die neue Ordnung auf in Gestalt des Mammon. Geld regiert die Welt, dem Geld wird alles untergeordnet, über Geld definiert man sich, mit Geld erkauft man sich das Wohlwollen der anderen Menschen. Doch scheitert diese neue Ordnung spätestens dort, wo der Mensch echten Beistandes bedarf. Geld ist nur von dieser Welt, der Sinn, den es stiftet, ist endlich.
Das, was als alte Ordnung dargestellt wird, scheitert aber ebenfalls. Der Sohn ist zwar von der Mutter erzogen, aber er scheitert daran, ihren Wertvorstellungen gerecht zu werden. Die Vettern schwören zwar auf die Blutsbande und bestehen darauf, dass „Art nicht von Art” lässt, doch im Kern ist ihre Definition von Blutsbande eine parasitäre, der Jedermann bleibt allein, sobald es gefährlich werden könnte. – Doch ist dies tatsächlich die „alte Ordnung”, die man am Anfang des neuen Jahrhunderts wiederherstellen sollte? Wieso kommen Gott (der im theologischen Sinne ähnlich problematisch dargestellt ist wie z. B. der wettende Gott im Faust) und sein Gegenspieler, der Teufel (in gänzlich un-christlichem Sinn „ein”, nicht „der”), dabei so schlecht weg? Ist der Jedermann ein religionskritisches Stück? Weshalb aber bringt dann der Glaube die Rettung? Der Gott des Prologs ist der, den der Jedermann als schlagenden Strafenden beschreibt, er ist nicht der, den der Glaube als wohltätigen Erlöser verspricht, und doch siegt die Dankbarkeit für den Erlöser über das Bild, das das Publikum vom Strafenden bekommen hat. Logisch und zumal theologisch scheint dies gelinde gesagt „schwierig”. Was Hofmannsthal uns da als Ordnung zeigt, ist das, was als einfache Lösung im konservativen Lager angeboten wird. Er entlarvt die Verlogenheit der hier erzählten Geschichte. Durch die tatsächliche Erlösung des Jedermann (der Teufel ist eine Witzfigur, die Erlösung, die die Seele aufnehmenden Engel sind keine) zeigt er die wahre konservative Ordnung auf, die (wieder) herzustellen ist: die Ordnung, die dem Menschen das Recht auf metaphysische Erfahrung lässt, und die jedes Individuum sowohl als solches, aber auch als Teil einer Einheit sieht, die größer ist als die Summe aller Menschen. Sowohl Entfremdung durch den Kapitalsgedanken, als auch Vereinnahmung durch ein vorgespieltes Nationalbewusstsein bedeuten Gefahr für den modernen Menschen, da sie von außen und nur im Hier und Jetzt Bedeutung haben.

 

Das „innere Wesen” anzusprechen vermag dann die reine Kunst.

Kunst als reine Unterhaltung – was macht das zeitgenössische Kino heute? …

L’art pour l’art – zum Schimpfwort verkommen? …

Geld regiert die Welt – oder nicht? …

Blutsbande – …

Welches Stück wäre passender für 2014 als der im Jahr Drei vor Ausbruch des ersten Weltkriegs geschriebene Jedermann?

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