Archive

Yiddish

(English follows below)

Tagtäglich erwarten wir Sprachenlehrer von unseren Schülern, dass sie schriftliche Texte verfassen, selbst nehmen wir uns nur allzu selten die Zeit, genau dies zu tun. Diskurse passieren aber nicht, Diskurse werden gemacht und geführt, die Aufgabe des Lehrers darf sich nicht darauf beschränken, Metadiskurse zu eröffnen und über anderes zu reden, er muss auch mitmachen, sonst verliert er seine Glaubwürdigkeit (außerdem habe ich ja meine Fächer nicht studiert, um andere mit meinem Wissen vollzulabern, sondern weil ich Germanist und Anglist sein will).

Twitter erlaubte mir mit 140 Zeichen nur die Ganzkurzformulierung meiner Gedanken:

Hier möchte ich das Ganze ein wenig weiter ausführen.

Tvitter Chatter erzählt einen jiddischen Witz. Er tut dies in einer ausspracheorientierten Orthographie (und nicht in einer stärker standardisierten wie z.B. der des YIVO). Die Diphthonge, die entstehen, wenn nach einem /e/ ein /g/ folgt, werden tatsächlich ausgeschrieben: <fleigt> statt <flegt> für [flejgt]. In Anbetracht der Tatsache, dass der Witz auch noch völlig ohne Satzzeichen auskommen muss, ist die Entscheidung, auf Twitter “unnötige” Buchstaben zu verwenden, wohl eine bewusste. Der Witz lautet in romanisierter Form und ohne den Schluss, um den es weiter unten gehen soll so:

ayner flejgt geyn iedn tog zum doktor[.] ayn tog is er nisht gekumen[.] frejgt di [sic!] doktor farvos[,] sogt er vayl er hot sikh nisht gut gefilt[.]

So weit so gut. Nun folgt aber noch ein “Wort”, drei Zeichen: Lamed – Aleph – Lamed. Da der Text (wie in den USA und auch bei Twitter nicht ganz unüblich) nicht punktiert ist, kann vom Graphem her nicht zwischen der Repräsentation von /a/ und /o/ unterschieden werden. Möglich sind also theoretisch “lal” und “lol”. Und natürlich kommt keiner auf die abstruse Idee, hier zu fragen “und was, bitteschön, soll ‘lal’ heißen?” Wir wissen alle, dass es ‘lol’ sein muss.
Weshalb ist das aber interessant?
Twitter Chatter zieht mit seinem Witz und seiner orthographischen Darstellung einen Spracherlebnisraum auf, der sehr traditionell ist und eher Anklänge an familiäre Texte als an “öffentliches Schreiben” hat. Der Leser erwartet spätestens ab dem zweiten Wort ein “authentisches, persönliches Jiddisch”. Und tatsächlich ist ja der Witz auch eine sehr typische, traditionelle Textform (evtl. auch durchaus eine Kunstform) in dieser Sprache. Das abschließende “lol” sprengt nun genau diesen Spracherlebnisraum auf mehreren Ebenen gleichzeitig auf:

  • Ein Witz endet mit der Pointe, da kommt sonst nichts mehr, das Addendum ist überraschend;
  • Die Sprache des Witzes ist konservativ, sogar daytshmerish (also mit hohem Anteil an Germanismen), “lol” ist progressiv, ein Anglizismus, eine Abkürzung, kein Wort;
  • Der Witz ist so alt, dass im Hintergrund die Bartwickelmaschine mit der Arbeit fast nicht mehr nachkommt; das Erzählen eines alten Witzes bedeutet das Einklinken in eine Tradition, das Anerkennen dieser Tradition, durchaus auch das Festigen einer solchen Tradition; “lol” ist neu, Teil einer völlig anderen Tradition, ein Akronym aus der virtuellen Welt, das in der traditionellen Welt eines jiddischen Witzes eine maximale Fremdheit hat.

Selbstverständlich ist genau dieses Aufsprengen des Spracherlebnisraumes selbst eine Pointe, mit dem Witz wird ein Witz gemacht. Was mich hier so beeindruckt, ist die Vielschichtigkeit, mit der dieser Witz² gemacht wird. Zusätzlich zu den o.g. offensichtlichen Elementen des “Witzigseins” (oh Gott, dies ist tatsächlich seit meiner Studienzeit, das erste Mal, dass ich diesen Begriff wieder unironisch verwende) kommt noch das ein oder andere hinzu.

Es fällt weiterhin deutlich auf, dass “lol” in Sprachen, die mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden, ohne großen Anfangsbuchstaben auftaucht (möglich wäre auch eine Schreibung ganz in Großbuchstaben als “LOL”, Kombinationen aus Klein- und Großbuchstaben wären auffällig und nicht üblich). Diese Konvention ist im Jiddischen schlichtweg unmöglich, das Akronym wird einerseits einer Eigenschaft beraubt (man kann nicht mehr ‘nicht mischen’, weil es nichts zum Mischen gibt), rückt aber andererseits in seiner äußeren Form deutlicher an ein “Wort” heran.
Aufgrund der oben schon genannten “lal-lol” Problemantik muss, anders als beispielsweise im Deutschen oder Englischen, beim Leser im Moment des Lesens entschieden werden, ob es “a” oder “o” sein soll. Fällt bei der Letternauswahl ein Level weg, wird bei der Buchstabenwertauswahl ein Level hinzugefügt.

Mein ad-hoc Verweis auf Julia Kristeva, den ich mir bei Twitter nicht verkneifen konnte, spielt selbstverständlich darauf an, dass hier nicht “einfach” Texte miteinander kommunizieren (man möge mir die starke Vereinfachung des Konzeptes “Intertextualität” verzeihen), sondern, dass hier Schreibsysteme miteinander in Kontakt treten und im Zusammenspiel einen Mehrwert entstehen lassen. Natürlich ist “intertypographicality” nicht so ganz ernst zu nehmen. Wie sieht der Leser aber die “Quadratur des Witzes” in rein romanischer Schrift? Zum Abschluss also der Leseversuch: Der Witz auf Deutsch.

geht ein mann täglich zum arzt an einem tag kommt er nicht fragt der arzt ihn warum sagt er er habe sich nicht wohl gefühlt lol

(English)

Like every other teacher of a language, I continually expect my pupils and students to write texts — and like most of us I do not usually take the time to do so myself. Discourses, however, do not happen, they are made, and the task of the teacher must not be limited to leading meta-discourses and talking about what other people say, but he must join and participate himself is he not to lose his credibility (and, apart from that, I have studied my subjects so that I can be an academic, not a talker).

Twitter only allowed me 140 characters for a first rough draft of my ideas: (see tweet above).

In this essay I would like to go a bit more into detail what I find so fascinating about this tweet.

Tvitter Chatter tells a Yiddish joke. He does that employing an orthography that reflects his pronunciation (much morre than, e.g., YIVO would do). The diphthongs arising from a combination of /e/ and /g/ are spelled out: <fleigt> instead of  <flegt> for [flejgt]. Given the 140 characters limit on Twitter and the author’s choice to do without punctuation marks, this “adding” of characters must be important for him, important to personalise (to a certain degree) rather than use a more general standard. The joke transliterates as:

ayner flejgt geyn iedn tog zum doktor[.] ayn tog is er nisht gekumen[.] frejgt di [sic!] doktor farvos[,] sogt er vayl er hot sikh nisht gut gefilt[.]

(A man used to go to the doctor’s every day. One day he does not come. The doctor asks him why and he says he didn’t feel well.)

Now, however, we get yet one more “word”, three letters: lamed – aleph – lamed. The text is not punctuated (not unusual for Yiddish written in the USA and, indeed, on Twitter), so the grapheme “aleph” can be both a representation of /a/ and of /o/, which gives the reader a choice between “lal” and “lol”. Of course, nobody would start to ask “and what would ‘lal’ be?”.
Why do I find this interesting and worth writing about?

With his joke and its orthography, Twitter Chatter’s language opens up a room for experiences, which is traditional in its relating to private rather than public writing. From the second word on, the reader expects a “personal, authentic Yiddish”. And, indeed, the joke is a traditional text (if not even art) in this language. The concluding “lol” bursts open this very room and splits it into different levels at the same time:

  • a joke ends with the punchline, nothing follows, the addition is surprising;
  • the language of the joke is conservative, even daytshmerish (i.e. with many germanisms), “lol” is progressive, an anglicism, an abbreviation, not a word;
  • the joke is so lame that its crutches have have been worn down to mere inches above ground; the telling of a joke as old as this means that the teller consciously joins a tradition, acknowledges it and possibly even tries to maintain it; “lol” is new, it comes from a completely different tradition, it is an acronym from a virtual world, which is as alien to the world of the Yiddish joke as can be.

This very busting of the room of experience itself is a punchline, a joke is told with a joke. I find it very interesting how multi-layered this joking² is. In addition to the aforementioned obvious elements of “funnyness” (the term Witzigsein is bad enough in German, which is why I have learned to loathe it as a student, but the English tops this, whoever has a better term, possibly a good one, please do comment, even if it’s only this one word), there are a few more issues to be looked at here.

In all languages written in roman letters, “lol” is spelled using only small letters (only capitals would be possible as well, but any combination of small and capital letters would appear to be surprising, non-standard). This convention is simply impossible in Yiddish (you cannot combine variants that are not there, Yiddish does not differentiate between small letters and capitals), but it is because of this that the acronym looks more like a “word”.
In the lal/lol-problem, the reader must decide exactly at the moment of reading, whether the aleph is an /a/ or an /o/; this choice is not needed in, say, English or German. Hence, we lose a choice on the level of lettering, but on the level of letters, a level is added.

My ad-hoc reference to Julia Kristeva, which I could not help making on Twitter, hints, of course, at the fact that it is not “merely” texts which communicate with each other here (sorry for an oversimplified use of the concept of “intertextuality” in this context), but at writing systems getting into contact and producing a meaningful surplus by interacting with each other. What, then, would be the reader’s impression of this “squaring a joke” in roman letters? Concluding this essay, here is the reading experiment: the joke in English.

a man goes to the doctor every day one day he misses out the next day the doctor asks why he says he did not feel well lol

דאָס מאָנסטער הײסט “דער מעשוגענע”. ‏

דער דאָזיקער פֿילם איז אַ טײל פֿונעם גאַנצן ‏”טשילעראַמאַ” און דערצײלט די מעשׂה פֿון היטלער װי ער דערהרגעט די משפּחה פֿראַנקענשטײַן, גאַנװעט דאָס טאָגבוך מיט אַ נײַער באַשרײַבונג װי אַזױ מע קען מאַכן אַ מענטש. דער געמאַכטער מענטש זאָל אױסהרגענען אַלע פֿײַנד פֿון היטלער, אָבער ער טײט נישט קײַן פֿײַנד, נאָר ‘פֿרײַנד’ (זײער בלוטיק). דער װיץ פֿון דער ‘קרעאַטור’, דעם פֿאַרזעעניש, (דער גאַנצער פֿילם װיל זײַן אַ װיץ) איז, דאָס סי סיט אױס װי אַ געמיש פֿון פֿראַנקענשטײַנס מאָנסטער און דעם גאָלעם.  װען דאָס מאָנסטער װאַכט אױף פֿונעם טױט, זיט עס אױס גאָר טרױעריק, באַטריבט, שטרעקט זיך אָפּ און זאָגט זײַן אײַנציק װאָרט: “אױ װײ”. עס איז דאָס “אױ װײ” װאָס מאַכט דעם פֿילם אינטערעסאַנט. דער פֿילם איז אין דײַטש (אַלע) און נאָכגעמאַכטע דײַטש (היטלער, ענלעך צו דעם גרױסן דיקטאַטאָר) מיט ענגלישע אונטערטיטלען. די תּפֿילה, די װאָס מאַכט דעם מאָנסטער לעבעדיק, איז אַ נאָכגעמאַכטע לשון־קודשדיקע און האָט קײַן אונטערטיטל, און דאָס “אױ װײ” איס אױך נישט איבערגעזעצט.

אױף ענגליש װעל איך שרײַבן אין מײַן בלאָג אַ ביסל מער װעגן דעם פֿילם ‏”טשילעראַמאַ” און װעגן דעם קולטורעלן באַטײַט פֿון זײַנע טײלן און װי מע קאָן זײ ניצן אין שול. ‏אין דעם דאָסיקן קלײנען אַרטיקל װאָלט איך געמאַכט אײַך באַקאַנט מיטן ייִדישן טעמע פֿון אַ פֿילם װאָס עטלעכע פֿון מײַנע טײַערע לײענערס האָבן טאַקע (נאָך) נישט געזען, און איך האָף צו לײענען אַ סך אינטערעסאַטע קאָמענטאַרן, אפֿשר צו האָבן אַ גוטע דיסקוסיע. ‏

~~~~~

English summary: In this short text, I only try to call attention of people interested in Yiddish and English to the Yiddish topic in the short movie “The Diary of Anne Frankenstein”, part of Chillerama. Here, Hitler creates a monster which looks like a mixture of Frankenstein’s monster and the Golem, and which/who says only one (Yiddish!) word: “oy vey!”.  I shall write more and in English on the possibilites of using this movie in the classroom for cultural studies.

" Der Meshuganah" -- דער מעשוגענע